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Was, wann, wo?
Was, wann, wo?

Brieftaubenwesen ist kein „Kulturerbe“

Kommentar 12.06.2020

Deutscher Tierschutzbund kritisiert erneute Nominierung

Der Deutsche Tierschutzbund rät ausdrücklich davon ab, das Brieftaubenwesen in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufzunehmen, wie vom Land Nordrhein-Westfalen schon zum zweiten Mal vorgeschlagen. In einem Schreiben an die zuständige UNESCO-Kommission hat der Verband die Nominierung kritisiert und die tierschutzwidrigen Bedingungen des vermeintlichen Kulturguts betont: Von der Zucht über die Haltung, das intensive Training und den Transport bis hin zu den Strapazen der Wettflüge sind Stress, Leid und Tod gang und gäbe. Eine erste Nominierung im Jahr 2018 war gescheitert – auch damals hatten die Tierschützer Einspruch eingelegt.

„Die Wettflüge basieren grundsätzlich auf Stress, denn die orts- und partnertreuen Tauben versuchen dabei, zu ihrem Heimatschlag zurückzukehren. Das ist kein Sport, sondern Ausbeutung!“, kommentiert Katrin Pichl, Fachreferentin für Artenschutz beim Deutschen Tierschutzbund. Die UNESCO reagierte bereits auf den Brief und erklärte, dass Tierethik bei der Bewertung der Vorschläge eine wichtige Rolle spiele. „Das lässt hoffen“, meint Pichl. „Das Immaterielle Kulturerbe hat den Anspruch, dass Menschen ihre Traditionen und ihr Wissen zukunftsgerichtet weitergeben. Darin muss sich auch der Wunsch unserer Gesellschaft nach einem Mehr an Tierschutz widerspiegeln. Tierschutzwidrige Praktiken dürfen nicht unter dem Deckmantel der Tradition gefördert werden.“

Der erste Antrag war auch deshalb abgelehnt worden, weil sich der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter nicht ausreichend mit Tierschutzfragen auseinandergesetzt hatte. Auch wenn der Brieftaubenverband dies nach eigenen Angaben nachgeholt hat, bestehen viele Missstände weiterhin: Schon die Wettkampfvorbereitungen können die Tiere körperlich überfordern. Unabhängige Trainingskontrollen, die das Wohlbefinden der Tauben überprüfen, gibt es nicht. Obwohl das Tierschutzgesetz eigentlich verbietet, einem Tier Leistungen abzuverlangen, die es nicht erbringen kann, treiben die Wettflüge die Vögel an ihre Grenzen. Teilweise müssen bis über tausend Kilometer zurückgelegt werden und im Schnitt kehren 10 Prozent der ausgebrachten Tiere nicht mehr heim. Vor allem Jungtiere verfliegen sich leicht und sterben durch Entkräftung, Beutegreifer oder Unwetter, die auch durch ausgefeilte meteorologische Vorhersagen nicht vermieden werden können, wie Vorfälle mit hohen Verlusten immer wieder zeigen. Einige verirrte Brieftauben schließen sich großen Taubenpopulationen in Städten an – was ein elendes Leben bedeutet und wiederrum die Stadttaubenproblematik verschärft. Bestenfalls landen verirrte Brieftauben im Tierheim. Dort werden die Tiere zwar liebevoll versorgt, sie stellen aber auch eine räumliche und finanzielle Belastung dar, denn nicht immer sind die Züchter ermittelbar oder gar gewillt, ihre Tauben zurückzunehmen. Zudem ist zu befürchten, dass die Züchter die zurückgenommenen Tiere im Anschluss einfach töten. Bereits bei der Zucht werden Tiere, die aufgrund ihrer Leistung, ihrer Abstammung und ihres Körperbaus nicht ins Profil passen, aussortiert und als „unbrauchbar“ getötet.

Bildmaterial

Bildunterschrift: So manche verflogene Brieftaube lässt sich in der Stadt nieder. Dadurch steigen dort die Populationen und ein tierschutzgerechtes Stadttaubenmanagement wird erschwert.

Copyright: Deutscher Tierschutzbund e.V.